Heute möchte ich mich mit einer Frage beschäftigen: Ist Negativ-Denken immer schlecht? Stimmt es, dass mein Denken mein Fühlen, und Handeln und dadurch meine Zukunft beeinflusst und ich daher immer positiv Denken sollte?

In der Persönlichkeitsentwicklungs-Ecke, in Glaubens-Communities und im Coaching begegne ich Einstellungen, die ich bezüglich „Gut und Böse“ und „negativen und positiven“ Gedanken verwirrend und irritierend finde, und ich möchte heute versuchen ein bisschen Ordnung hineinzubringen 🙂

Die Dualität von Gut und Böse wird in Religion, Gesetz & Moral seit Jahrtausenden diskutiert. Die zehn Gebote der Bibel sind immer noch recht hilfreich, wenn es darum geht, Böses zu definieren. Die meisten stimmen darin überein, dass Morden schlecht ist, dass Gewalt vermieden werden sollte, dass es unrecht ist zu stehlen und zu lügen, um des eigenen Vorteils willen. Und die meisten stimmen darüber überein, dass jede*r Mensch würdig ist zu leben und geliebt zu werden, einfach deswegen, weil er/sie Mensch ist. Wenn man diesen Gedanken radikal leben möchte, was bedeutet das fürs Miteinander? Bedeutet das, ich darf niemanden mehr nicht mögen? Bedeutet es, ich darf nichts mehr „schlecht“ finden?

Für manche sind diese Fragen vielleicht komisch und sie denken sich: Natürlich darf es Menschen geben, mit denen ich nicht klarkomme und die ich nicht mag. Ich muss doch nicht jede*n mögen. Aber ich habe in diversen Kontexten Menschen erlebt, die es sich durch ihre Glaubenssätze und Weltvorstellung nicht mehr erlaubt haben, etwas nicht zu mögen, etwas nicht gut zu finden, oder dazu zu stehen, einen bestimmten Menschen einfach nicht gerne zu haben. Ich nenne dir ein paar konkrete Beispiele, um klarer zu machen, was ich meine:

Wut und Ärger sollte ich nicht fühlen

Lebt man mit dem Glaubenssatz, dass Wut und Ärger „schlechte“ Gefühle sind, so kann es passieren, dass man sich nicht mehr erlaubt, diese zu fühlen. Ich sollte / will glücklich sein. Es geht mir ja eigentlich gut. Ich muss dankbar sein (jede*r sagt, das hilft) etc. Mit solchen Gedanken kann man sich selbst extrem unter Druck setzen. Gefühle wollen gefühlt werden und Ärger und Wut sind in Wahrheit extreme Kraftquellen, die einen helfen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen, für sich selbst und andere einzustehen und sich durchzusetzen. Gefühle zu unterdrücken nützt gar nichts, es raubt einen bloß Energie. Ich denke, jedes Gefühl ist aus einem Grund da und kann dir gute Hinweise geben – sie sind sozusagen die Sprache, mit denen dein Körper mit dir kommuniziert 🙂

Negatives Denken zieht Negatives an

Häufig begegne ich dem Glauben, dass man Situationen, Chancen, Menschen etc. „anziehen“ kann, und zwar mit der eigenen Gedankenkraft. Ich glaube, dass darin eine Wahrheit liegt und eine wertvolle Erkenntnis. Ich glaube aber auch, dass diese wertvolle Erkenntnis, wenn sie „zu“ radikal umgesetzt wird, dazu führen kann, dass man einen verklärten Blick bekommt, und sich seiner Authentizität beraubt. So gibt es dann Menschen, die sich schlecht fühlen, wenn sie negativ denken, denn: Jetzt ziehen sie Negatives an! Oder die jenen Menschen, die über ihre Probleme reden, nicht mehr zuhören wollen und ihr Mitgefühl verlieren, denn: Diese Menschen ziehen ihre Probleme doch nur an, mit ihrem Negativgerede! Sollen sie sich doch lieber mal auf etwas Positives konzentrieren. Wenn man sich selbst (und anderen) nicht mehr erlaubt über „Negatives“ und Probleme zu sprechen, beraubt man sich, so denke ich, der Möglichkeit Mitgefühl zu erleben und zu schenken, Authentizität auszustrahlen und teilweise vielleicht sogar gute Lösungen zu finden, weil man sich eben nicht erlaubt näher darüber nachzudenken oder sich gar mit anderen auszutauschen. Das klingt jetzt extrem. Aber ich habe es traurigerweise schon extrem erlebt. Hier noch ein anderes Beispiel:

In einem Social-Media Kurs fragte eine Kursteilnehmerin den Kursleiter: „Wie ist das bei Social Media. Ich habe ein privates Facebook-Profil. Dort habe ich früher Fotos von mir und tlw. auch meinem kleinen Sohn gemacht. Aber ich weiß ja nicht, mit welcher Motivation, Gedanken und Gefühlen sich jemand diese Bilder von mir ansieht. Gibt es da schon Studien über die Auswirkungen darüber?“ Der Kursleiter wusste nicht genau, was die Dame meinte, und falls es dir genauso geht, dann möchte ich es dir kurz erklären. Im Weltbild der Dame können Menschen mit einer negativen „Aura“ – negativen Gefühlen, Gedanken, Einstellungen einen selbst gegenüber – Negatives im eigenen Leben bewirken. Als ihr Sohn einen Unfall hatte, brachte sie die Facebook-Fotos damit in Verbindung und löschte sie.

Ich muss jede*n „Nächsten“ lieben

Dieser Glaubenssatz bringt Menschen dazu, zu niemandem mehr „Nein“ sagen zu können, auf ihr Bauchgefühl nicht mehr zu hören und ein absoluter „People-Pleaser“ zu werden. Er birgt die Gefahr sich selbst zu vergessen und nicht mehr zu spüren, was so weit führen kann, dass man seinem eigenen Urteil nicht mehr traut, seine Intuition nicht mehr wahrnimmt und an Entscheidungsfreudigkeit einbüßt.

Ich muss für alles dankbar sein und alles gut finden

Dann gibt es wieder jene, die selbst für „schlechte Erlebnisse“ (krasses Beispiel: Vernachlässigung in der Kindheit oder Ähnliches) dankbar sind, weil sie sagen: Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Oder: Ich habe mir (als Seele) dieses Leben ausgesucht, weil ich diese spezielle Lernerfahrung gesucht habe. Es ist „gut“, weil notwendig, dass ich diese Erfahrung gemacht habe.

In einem interessanten Gespräch mit einer Bekannten ist die Frage aufgekommen: Gibt es Nicht-Gutes / Böses überhaupt? Nach dem Motto: Wenn alles „Eins“ ist, kann man dann überhaupt noch von Gut und Böse sprechen? Wenn das „Böse“ den Zweck hat, uns etwas beizubringen, und uns dazu bringt, das Schöne und Gute wertzuschätzen, ist dann nicht das „Böse“ auch wieder irgendwie gut? Wenn alles, was existiert, aus demselben Ursprung kommt, hat dann nicht alles seine Existenzberechtigung? Und ist nicht alles, was existiert, per se „gut“?

Wie ist das nun mit dem Guten und dem Schlechten?

Ich habe die Weisheit natürlich nicht mit Löffeln gefressen, und ich würde mich sehr über deine Gedanken dazu freuen. Ich selbst habe ein Weltbild gefunden, dass mir hilft, hier ein entspanntes Verhältnis aufzubauen.

Einerseits glaube ich, es gibt eine Ebene des „Geistes“, in der wir alle „eins“ sind. In der überhaupt alles „eins“ ist. Auf dieser Ebene verschmilzt Gutes und Schlechtes tatsächlich, denn schließlich entspringt alles demselben Ursprung. Selbst in der biblischen Geschichte war der Teufel ursprünglich ein Engel – wurde also von Gott selbst geschaffen. Auf einer ebenso realen und nützlichen Ebene, der Ebene der Materie und dem, was wir sehen und wahrnehmen, gibt es ein „Ich“ und ein „Du“. Da gibt es auch ein „das gefällt mir“ und „das gefällt mir nicht“. Manchmal werden diese Ebenen gegeneinander ausgespielt. Das Ego, das Materielle ist „schlecht“, nicht spirituell. Und auf der anderen Seite die geistliche Ebene voller Liebe etc. Ich glaube, dass beide Ebenen einfach da sind und so paradox es klingt und nicht in unser logisch denkendes Gehirn passt, sie gleichzeitig gut, real und nützlich sind. Was heißt das praktisch?

Selbst wenn ich auf einer geistlichen Ebene alle Menschen respektiere und sogar liebe, weil wir alle eins sind, kann ich dennoch in der sichtbaren, materiellen Welt, manche Menschen einfach unsympathisch finden und nicht mögen. That`s okay. Die materielle Welt ist die, die uns einzigartig macht – jeder sieht anders aus, jeder denkt anders, trifft andere Entscheidungen, macht andere Erfahrungen. Es gibt keinen Menschen, der dem anderen gleicht. Das ist doch spannend und wunderschön! Die Vielfalt! Auf der geistigen Ebene wiederum fehlt die Vielfalt, weil eben alles „eins“ ist.

Okay, ich gebe zu, das klingt alles abgespacet. Aber es hilft mir:

  • Anzuerkennen, dass ich in dieser Realitätsform, in der es die materielle Welt eben gibt, meine Einzigartigkeit darin besteht, dass ich manches mag, und anderes nicht, dass ich bewerte und dass das gut ist.
  • Anzuerkennen, dass ich in dieser Realitätsform Gefühle fühle und die sind generell für mich und nicht gegen mich. Gefühle sind Indikatoren für das, was gerade vor sich geht. Sie zeigen mir: Das mag ich. Oder das mag ich nicht. Und das ist gut zu wissen. Denn auf Basis meiner Bewertung treffe ich Entscheidungen.
  • Anzuerkennen, dass wir im Geiste alle eins sind. Wenn ich jemandem etwas Schlechtes tue, dann schade ich damit auch mir selbst. Ich habe Respekt vor dem Leben und vor jedem Menschen.
  • Anzuerkennen, dass mein Denken mein Fühlen, mein Entscheiden, mein Handeln und mein Erfahren – und dadurch wieder mein Denken – beeinflusst und dass ich dafür vollständig selbst verantwortlich bin.
  • Anzuerkennen, dass ich meine Welt und mein Sein kreieren kann, durch bewusste Entscheidungen.
  • Schlechtes als schlecht anzuerkennen. Gutes als gut anzuerkennen. Und mir erlauben beides zu bewerten, Schlechtes zu vergeben, und für Gutes dankbar zu sein.
  • Ich als Mensch mit Geist, meiner Energie, meinem Körper und meinen Gefühle etc. ich (bis zu einem gewissen Maße) die negativen Energien anderer gut aushalte. Wir sind nicht aus Watte gemacht, sodass mich ein kleiner Windstoß gleich zu Fall bringt.

Ich kann zu diesem Thema das Buch von Anouk Claes „Geist und Ego“ empfehlen. In der Systemik fragt man nicht nach falsch und richtig oder gut und schlecht, sondern nur nach hilfreich und nicht-hilfreich. Diese Unterscheidung finde ich auch sehr hilfreich …oder gut… wie auch immer 😉

Also, ich hoffe, du hast einen schönen Tag nach diesem kleinen Brainfuck 😉

Alles Liebe und Go 4 Gold,

Lisa