Ich frage mich oft, wie unser Wirtschaftssystem besser aufgestellt sein könnte, damit die Welt gerechter aussehen würde.

Brauchen wir ein ganz anderes „System“? Ist das „System“ daran Schuld, dass es Ungerechtigkeit auf dieser Welt gibt (massenhaft!), dass es ein starkes Arm-Reich-Gefälle gibt? Dass Kinder in Indien und Afrika arbeiten müssen, damit wir billigen Kakao oder Kleidung zum Discountpreis kaufen können? Sind die Konzerne die „Bösen“, die mit ihren Transportwegen und Fabriken CO2 in die Luft jagen, armen Bauern in Entwicklungsländern keine vernünftigen Preise zahlen und sie mit genmanipuliertem Saatgut abhängig machen? Ist es die korrumpierte Politik, die Subventionen, die den Markt verzerren, die dazu führen, dass wir so viel haben, und „die“ so wenig?

Als ich mit 21 Jahren in Afrika war, fragte mich ein Mann im Busch, dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, mit einer Ernsthaftigkeit, die mich überwältigte: „Warum glaubst du, sind wir in Afrika so arm, und ihr so reich?“

Wow. Diese Frage hatte mich total überwältigt und ehrlich gesagt auch am falschen Fuß erwischt. Was sollte ich dazu sagen? Da blickten mich diese Augen an, voller Erwartung, dass ich (weiß und daher weise) eine passende und gute Antwort hätte. Ich wollte etwas sinnvolles sagen. Ich wollte so gerne etwas befriedigendes sagen. Und ich merkte: Dieser Mensch ist gerade in keiner Opferhaltung. Was auch immer ich ihm sage, er rechnet damit Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sein Land, seine Leute, sich in einer vergleichsweise extrem ärmlichen Lage befinden – abgeschnitten vom Wohlstand der Welt. 

So weit ich mich erinnere, habe ich ganz ehrlich geantwortet: „Ich weiß es nicht.“ In meiner Zeit in Afrika habe ich noch öfter über diese Frage nachgedacht. Da kamen mir Antworten wie: Durch den Kolonialismus haben wir diesen Kontinent einfach extrem ausgenommen. Und jetzt ist es so, dass wir uns der Ressourcen bedienen und diese Länder praktisch gar keine Chance haben in die Höhe zu kommen. Auf der anderen Seite gibt es da noch die afrikanischen Regierungen, die ihrerseits für blühende Korruption bekannt sind (was ich von meinem kurzen 2-Monats-Tripp durchaus bestätigen kann). Und dann ist da noch das Klima. Als ich zur Mittagszeit in Kenia täglich ein großes Verlangen verspürte mich im Schatten irgendwo hinzulegen, verstand ich, dass es unter diesen heißen, klimatischen Bedingungen unmöglich ist, 8 h durchgehend zu arbeiten, wenn man nicht den Luxus einer Klimaanlage besitzt. Und mir wurde noch etwas klar: Wenn es Jahr ein, Jahr aus gemäßigte Wetterbedingungen gibt, keinen Winter, keine Saison, in der weder Getreide noch Gemüse wachsen, dann haben die Menschen keinen Bedarf Häuser zu bauen, die wetterfest sind und Kälte und Wind standhalten. Dann haben sie keinen Bedarf sich zu überlegen, wie sie die Ernten so optimieren können, dass über den Winter ausreichend Nahrung da ist, und wie sie Nahrung lange haltbar machen können. Die klimatischen Bedingungen erfordern viel weniger Anpassungsleistung des Menschen in Äquatornähe. Aber das Klima als Sündenbock? Am Ende ist es vielleicht einfach ein Potpourrie aus all diesen Faktoren (Korruption, Klima, Kolonialismus, Ausbeutung) die dazu geführt haben, dass Afrika da ist, wo es heute ist, und Europa und der „Westen“ da sind, wo sie heute sind. 

Jetzt bin ich etwas vom Thema abgewichen. Der wirklich beeindruckende Punkt war nämlich jener, dass dieser Mann vor mir kein Opfer war. Und es wäre mir unangenehm gewesen, ihn mit irgendeiner dieser Erklärungsversuche in die Opferhaltung zu drängen mit einer Antwort wie „Es sind die liederlichen Umstände, die euch klein halten.“ Es wäre mir unangenehm gewesen, denn: Was können Afrikaner*Innen schon gegen das Klima tun? Was können sie schon gegen den die kolonialistische Vergangenheit tun? Fair enough, gegen Korruption könnten sie etwas tun. 

Kommen wir zurück nach Europa. Erst kürzlich habe ich mit meiner Schwester gesprochen über ihre Arbeit in einem Pharmakonzern. Sie hat dort Karriere gemacht und mittlerweile eine beachtliche Stelle erreicht. Ich habe leider keinen guten Durchblick in der Organisation und Hierarchie und alles dort, aber ich weiß, dass sie sehr gut verdient. Na jedenfalls ist auffällig, dass je weiter sie die Karriereleiter nach oben klettert, die Luft der Menschlichkeit immer dünner wird. Ellenbogentechnik. Ja, das weiß ein jedes Kind, dass man in Managementpositionen und in großen Konzernen nur damit hoch kommt. Aber ich habe mich gefragt, welch irrsinniges Naturgesetz wir Menschen damit geschaffen haben! Wollen wir wirklich jene Personen an „der Spitze“ haben, die die Grenze zum Psychopathen gerade noch so schrammen (oder manchmal auch eindeutig in dieses Schema fallen)? Wollen wir wirklich, dass die größten Geldsummen durch die Hände von Menschen gehen, denen es hauptsächlich um ihr eigenes Glück geht, und die sich einen Dreck (Pardon) um den „Nächsten“ kümmern.

Vielleicht geht es den Entwicklungsländern auch nach wie vor so schlecht, weil wir die Macht in unseren reichen Ländern jenen Exemplaren unserer Gesellschaft überlassen, die sich einen Scheißdreck (Pardon, Pardon) um die Arbeitsbedingungen in Indien, oder die Bauern in Afrika scheren. Wie auch, wenn ihnen schon der Arbeitskollege im Nachbarzimmer den Buckel runter rutschen kann? Und da frage ich mich, ob nicht „wir“ die wahren Übeltäter sind. „Wir“, die wir lieb und nett sind, das Herz am rechten Fleck haben, aber sagen: Das harte Business ist nichts für mich. In die Politik, nein auf keinen Fall: Ich verkaufe meine Seele doch nicht an den Teufel! Tun wir damit aber nicht genau das? Und zwar indem wir das Spielfeld der Macht jenen überlassen, die die Verantwortung nicht scheuen, und zwar deswegen, weil sie keine Moral besitzen? 

Lange Zeit dachte ich, es sei nicht gut, reich zu werden. Es sei auch nicht gut sich zu wünschen, reich zu sein. Ich finde es immer noch abstoßend, wenn Menschen einfach reich sein wollen. Was ist das denn bitte für ein Lebensziel?

Aber mittlerweile denke ich, dass gerade jemand wie ich, dem die Mitmenschen wichtig sind, danach streben sollte, sehr, sehr viel Geld zu verdienen. Nicht des Geldes wegen, sondern weil es einen ermächtigt, noch mehr gute Dinge zu tun. Ist es nicht besser, es fließt mehr Geld durch meine und deine Hände, als durch die Hände eines Immobilien-Hais, eines russischen Oligarchen, oder der Mafia?!

Liebe Leute, ich denke, es wird Zeit, dass wir selbst aus der Opferhaltung rauskommen. So wie es mir der Kenianer vorgemacht hat. Es wird Zeit Verantwortung zu übernehmen, und besonders, wenn dir unsere Umwelt, Nachhaltigkeit, die Natur, und die soziale Gerechtigkeit ein Anliegen sind, besonders dann danach zu streben, einen hohen Posten zu bekommen, einen Konzern zu übernehmen, Spitzenpolitiker zu werden, der reichste Mann / die reichste Frau Österreichs (oder deines Landes) zu werden und die Ressource Geld als Freund der Menschlichkeit zu nutzen!

Darum, im wahrsten Sinne des Wortes:

Go for Gold & Be blessed

Lisa

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